Als Klaus Störtebeker republikflüchtig wurde

In meinem aktuellen Buchprojekt geht es um das Seesegeln innerhalb der DDR, bewusst möchte ich der bestehenden Fluchtliteratur keinen weiteren Titel hinzufügen. Doch so ganz kommt man als Autor an dem Thema natürlich nicht vorbei, auch wenn es für die überwiegende Mehrheit der ostdeutschen Seesegler offenbar keine allzu konkrete Rolle spielte. Diesen Beitrag schreibe ich, da ich mit zwei wenig bekannten „Grenzdurchbrüchen“ nicht weiterkomme, die aller Wahrscheinlichkeit nach erhebliche Folgen zeitigen sollten. Um Rückmeldung wird deshalb an dieser Stelle ausdrücklich gebeten!

Wenig überraschend nutzen Bürger der DDR eher selten Yachten bei ihren Fluchtversuchen. Trotzdem kommt es vor allem in den 1950er Jahren durchaus zu illegalen Grenzübertritten per Seekreuzer. Zum Einen gilt diese Art der verbotenen Ausreise gegenüber dem strenger kontrollierten Landweg als weniger gefährlich, zum Anderen stellen für viele Ausreisewillige ihre Kielboote das wertvollste mobile Eigentum dar. Die rigide Grenzschließung im August 1961 betrifft die Kontrollen an der Küste ebenso wie an den Landgrenzen, doch noch wirkt das Grenzregime häufig provisorisch, Fluchten über die Ostsee können gelingen.

Mit dem Ausbau der Grenzanlagen und der technischen Modernisierung wird es dann auch im Norden immer schwieriger den Bewachern zu entwischen. Die Radarüberwachung der heimischen Seegewässer degradiert die letztlich langsamen Segelboote zu denkbar ungeeigneten Fluchtvehikeln, die von den Schnellbooten der Grenzbrigade Küste in kurzer Zeit eingeholt werden können. Fluchtwillige DDR-Bürger greifen zunehmend auf flache Segeljollen und Faltboote mit geringem Radarwiderstand zurück, wenn sie über das Meer zu entkommen versuchen. Ein lebensgefährliches Unterfangen! Es werden nur noch wenige Fluchtversuche per Segelyacht bekannt, häufig bleiben diese ohne Erfolg.

Eine Ausnahme stellt 1975 die spektakuläre Flucht der Rostocker Familie Gaeth an Bord ihrer Yacht TORNADO dar, doch bis heute herrscht Unklarheit über die wahren Hintergründe dieses Vorfalls. Typischer erscheint das Schicksal der SY SADINE, die 1973 in bereits internationalen Gewässern gestellt wird.

Sechs Jahre zuvor, im Sommer 1967, gelingt dagegen gleich zwei Yachten erfolgreich der Grenzdurchbruch. Wie die Grenzbrigade Küste berichtet, flüchten im Juli die SY KLAUS STÖRTEBEKER mit 4 Personen an Bord und im August die SY SIRIUS mit 7 Besatzungsmitgliedern erfolgreich. Eine Blamage für den Grenzschutz, in deren Folge die Grenzbestimmungen eine deutliche Verschärfung erfahren.

Um welche Yachten handelt es sich? Das erste Schiff ist die ehemalige LYDIA mit dem Segelzeichen „GO 39“. 1961 vom VEB Volkswerft Stralsund aus Privatbesitz übernommen, wechselt die Yacht 1967 nach Rostock in den Besitz der Deutschen Seereederei (DSR). Bereits im Juli erfolgt dann die Flucht. Im August schließt sich die Warnemünder SIRIUS (GO 30) an. Bei den Seglern der BSG Motor Warnowwerft hängt zu dieser Zeit der Haussegen schief. Im Juni hat die Sektion erfahren, dass sie beträchtliche Teile ihres Vereinsgeländes ersatzlos abzugeben hat, inklusive Werkstatt und „Seglerheim“. Haben hier verärgerte Mitglieder endgültig die Nase voll?

Nur wenig mehr konnte ich über diesen doppelten Grenzdurchbruch im Sommer 1967 bislang in Erfahrung bringen. Im Buch „Über die Ostsee in die Freiheit“ wird die Flucht kurz erwähnt, auf meine Anfrage weiß Autor Bodo Müller auch nur das zu berichten, was die Grenzbrigade Küste in ihrem Bericht geschrieben hat. Lange bleibt die STÖRTEBEKER nicht im Westen, schließlich gehört sie der Seereederei, einem international agierenden Unternehmen. Bereits 1970 taucht das Schiff wieder in den Ergebnislisten des ostdeutschen Seesegelsports auf.

In Zeitschriften und Büchern finden die beiden Grenzdurchbrüche keinen Niederschlag. Während die Zeitschrift YACHT 1975 ein langes Interview mit Willy Gaeth nach seiner Flucht abdruckt, erfährt man über die Vorkommnisse von 1967 nichts. Auch Zeitzeugen konnten mir bislang nicht wirklich weiterhelfen. Dass da mal etwas gewesen sei, scheint noch die konkreteste Erinnerung zu sein. Kein Wunder, das Ganze liegt inzwischen mehr als ein halbes Jahrhundert zurück. Und darüber geredet wurde in den Segelsektionen der DDR wahrscheinlich auch nicht allzu viel, riskierte man mit solchen Erzählungen doch womöglich die Segelgenehmigung für die nächste Saison.

Darum meine Frage, ob jemand etwas über die weitgehend vergessenen Grenzdurchbrüche der KLAUS STÖRTEBEKER und der SIRIUS im Sommer 1967 weiß und mir weiterhelfen kann? Auch wenn Fluchten ein Randthema in meinem Buch bleiben, der Vorfall interessiert mich sehr!

Technische Daten

SY Klaus Störtebeker (X/3, GO 39)

Typ:80 qm Seefahrtkreuzer
Baujahr:1939
Konstruktion:
Werft:Werft auf Usedom
Takelung:Slup, ursprünglich Ketsch
LüA:13,75 m
Breite:3,3 m
Tiefgang:1,9 m
Verdrängung:11 t
Segelfläche:80-85 qm

1955 als LYDIA von Horst Kollwitz (BSG Motor Stralsund) angemeldet und seitdem erfolgreich auf Regatten gesegelt, 1961 in KLAUS STÖRTEBEKER umbenannt, 1962 Übernahme durch BSG Schifffahrt & Hafen Rostock.

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