Seesegeln in der DDR: Ein Beispiel von 1964

Ein Artikel über eine stürmische Segelregatta auf der Ostsee 1964. Ostdeutsche Yachten, die fernab jeglicher staatlichen Kontrolle durch die Wellen pflügen. Das passt so gar nicht zum Bild einer DDR, deren Außengrenzen in der historischen Überlieferung vor allem durch Mauern, Zäune und Minenfelder definiert sind. Und doch hat es diese andere Wirklichkeit im ostdeutschen Staat gegeben, die zugegeben nie unproblematisch war,  aber eben auch einen Aspekt des Alltagslebens in der DDR darstellte.

Die ostdeutsche Republik war ein Land, in dem sportlicher Erfolg eine identifikationsstiftende Rolle spielte. Umgerechnet auf die Bevölkerungszahl „produzierte“ kein anderer Staat so viele Medaillen bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften. Konsequent wurde dazu nach vielversprechenden Talenten gesucht, geeignete Kandidaten sollten sich in einem üppig ausgestatteten Fördersystem erfolgreich weiterentwickeln. Der Segelsport unterschied sich hier nicht von anderen Sportarten, auch auf dem Wasser überzeugten ostdeutsche Athleten regelmäßig mit Spitzenleistungen. Bekanntestes Gesicht der DDR-Segler dürfte Jochen Schümann sein, der nach der Wiedervereinigung seine Medaillensammlung weiter vergrößerte.

Aber Bürger der DDR begeisterten sich auch für Sportarten, die nicht als olympisch relevant galten. Diese Sparten mussten zumeist ohne besondere staatliche Förderung auskommen, so dass die Sportler bei der Ertüchtigung von Leib und Seele mit dem allgemeinen ökonomischen Mangel im Land zu leben hatten. Und dann waren da noch die Sportarten, denen die Regierenden mit Misstrauen begegneten, aus welchem Grund auch immer. Hierzu gehörte das Seesegeln, welches anders als Finn Dinghy, Soling & Co. keinerlei olympischen Ruhm versprach.

Um zu verstehen, warum die Staats- und Parteiführung die Seesegler so misstrauisch beäugte, muss man sich nur das Grenzregime der DDR vor Augen führen. Wer jemals den Grenzübergang Helmstedt-Marienborn passiert hat, kann wahrscheinlich nachvollziehen, wie in Richtung Ostsee auslaufende Segelyachten auf die SED-Führung gewirkt haben müssen. Ein dementsprechend enges Netz zur Kontrolle der Seesegler wurde an der Ostseeküste installiert, als dessen unbeliebteste Elemente die nur politisch unauffälligen Personen erteilten Genehmigungen PM 18 (Befahren der 3-Meilen-Zone) und PM 19 (Verlassen der Gewässer der DDR) galten. Die DDR zeigte sich gegenüber ihren Seeseglern nicht nur restriktiver als der westdeutsche Staat eingestellt, sondern auch der Vergleich mit dem östlichen Nachbarn Polen offenbarte immer wieder Probleme, die sich aus der rigiden Abschottung ergaben.

Doch ungeachtet materieller und politischer Begrenzungen hat es in der DDR eine vitale Seesegler-Szene gegeben. Mal mehr, mal weniger wertgeschätzt, häufig mit Ausrüstungsmängeln konfrontiert und stets im Fokus der Staatssicherheit entwickelte sich die ostdeutsche Nischengesellschaft auch in diesem Randbereich des Alltags. Die Freizeitbeschäftigung „Seesegeln“ erwies sich dabei als äußerst vielschichtig: Spätestens seit den frühen 1960er Jahren durfte man nur noch auf die Ostsee hinaus, wenn zuvor eine umfassende Überprüfung der gesellschaftlich-politischen Zuverlässigkeit stattgefunden hatte. Trotzdem kam es mehrfach zu Fluchtversuchen mit Segelyachten, am spektakulärsten wohl auf der Rostocker Tornado im Juli 1975. Gleichzeitig scheint ein informeller Ehrenkodex bestanden zu haben, nicht während einer Regatta zu flüchten, da dies negative Auswirkungen für alle Segler bedeutet hätte. Obwohl beispielsweise die seit 1951 in Warnemünde startende Ostseeregatta wiederholt um die dänische Insel Bornholm führte, sollen sich bis 1989 nur zwei Absetzbewegungen ereignet haben.

Parallel mit den Fluchtaktionen kam es über die Jahre auch zu verbotenen Zwischenstopps ostdeutscher Yachten in dänischen Häfen – hier vor allem auf Bornholm. Jeder Segler wird das Gefühl kennen, mal eben einen „Schlag rüber machen“ zu wollen… Nicht selten passierte dies während der Ostseeregatta, der wichtigsten Veranstaltung im Seesegeln zu DDR-Zeiten. Von dieser Regatta stammt der nachfolgende Bericht, und zwar aus dem Jahr 1964. Vor dem Mauerbau stand die Umrundung Bornholms häufig auf dem Streckenplan der Großen Seewettfahrt, ab 1971 dann wieder. Doch in den Jahren dazwischen wurden die teilnehmenden Yachten meistens nahe der DDR-Küste geführt, der unten erwähnte Wendepunkt auf der über 200 sm langen Strecke befindet sich etwa 10 km östlich von Sellin auf Rügen. Trotzdem forderte das Wetter ab dem 4. Juli 1964 nicht nur der „Jacht“ Wega  samt Crew alles ab, wie in Heft 9/1964 des Fachorgans „Der Segelsport“ zu lesen ist:

Mit der „Wega“ auf Großem Kurs

Klaus Fischer von der BSG Motor Warnowwerft war als Schiffsführer mit auf der Großen Seewettfahrt. Ihm war die kleinste Jacht „Wega“ anvertraut worden, die er mit seiner tapferen Crew bravourös über die Strecke brachte. Wir danken ihm für seinen Bericht, der uns auch diese Seite der Internationalen Ostseeregatten gegenwartsnah miterleben läßt:

Vorweg gesagt, eigentlich ist er zu klein, der 30-m²-Seekreuzer ‚Wega‘ für die Tour der Großen, den 200-Seemeilen-Kurs. Es fehlt an der notwendigen Wasserlinienlänge. Mit Hilfe von Ballastklötzen bringen wir es schließlich auf die nötigen 7,32 m. Der Start erfolgt am 4. Juli 1964 um 20 Uhr vor Warnemünde, 13 Boote (nur) sind es, die mit einem ordentlichen Schrick in den Schoten bei NW 5 dem ersten Teilziel T 11 entgegenlaufen.

Bald zieht sich das Feld auseinander; vorn enteilen die Polen ‚Admiral‘ und ‚Skwal II‘ sowie die ‚Stoltera‘, während die Boote unserer RORC-Klasse III und die ‚Wiking‘ achteraus sacken. Die ‚Adhara‘ läuft in Lee, der ‚Kranich‘ in Luv querab von uns. So geht es in die erste Nacht. Bald ist kein Boot mehr auszumachen. 23.30 Uhr blitzt Darßer Ort querab, und T 11 wird mit ‚Respektsbogen‘ am 5. Juli um 02.40 Uhr passiert. Mehr als 7 km sind wir gelaufen, nun geht es auf Spinnakerkurs (KK 90°), und mit der besser werdenden Sicht tauchen auch einige Konkurrenten wieder auf. Drei Boote stehen mindestens 5 sm nördlich von uns. Sie hatten das Faß doch recht weit überlaufen. Die ‚Wiking‘ ist nachts gut gelaufen und wird von uns erst auf dem Spinnakerkurs geholt. Offensichtlich hatte man dort Schwierigkeiten mit dem Spinnaker. T 1 wird 06.50 Uhr passiert, weiter geht es unter Spinnaker, Kurz vor T 4 bei immer noch NW 5-6 bricht uns der Block des Spinnakerfalls und der Vogel kommt von oben. Alle Mann an Deck und die Whooling ist alsbald klariert. T 4 wird passiert, und bei allmählich spitzer einkommendem Wind laufen wir Kurs auf das Wendeschiff (54° 23′ N, 13° 51,6 E), bekommen es jedoch erst mit einem Kreuzschlag zu fassen. Als siebentes Boot, laut Zuruf, runden wir. Vor uns die ‚Großen‘ und auch der ‚Buk‘, unser härtester Rivale, hinter uns das ‚Wappen von Wismar‘, ‚Störtebeker‘, ‚Iris‘, ‚Wiking‘ und ‚Sirius‘. 100 sm sind geschaft, der gemütlichere Teil, das ist uns klar, jetzt heißt es, den doppelten Weg zurück gegenanzugehen, gegen NW 5-6 und grobe See.

Es geht nordwärts, bis T 4 noch mit geschrickten Schoten, danach hoch am Wind. Das ‚Wappen‘ und ‚Störtebeker‘ überlaufen uns, dann wir wieder sie auf der Kreuz. Wir laufen auch dem ‚Buk‘ auf und enteilen ihm noch mehr, als sein Vorsegel zerreißt. Auch wir haben gerefft, fahren aber große Genua. Immer weiter laufen wir etwa 355° auf StB-Bug, erst um 19.00 Uhr wird Kurswechsel befohlen, und wir erreichen, auf BB-Bug laufend, mit diesem Schlag, ‚von oben‘ kommend, am 6. Juli um 01.30 Uhr T 9 des Zwangsweges nördlich Rügen, es erwischt uns eine Regenbö, die neben prasselndem Regen, der uns jeder Sicht beraubt auch 8 Windstärken bringt. Schwimmwesten werden angelegt und ‚alle Mann auf Gefechtsstation‘ gerufen. Es bleibt aber bei 8 BF, dazu noch aus SW, und da der Regen die See niederschlägt, preschen wir unter Genua und gerefftem Groß auf direktem Heimatkurs dahin, T 11 wird 02.10 Uhr passiert, und weiter geht es mit KK 270°. Wir spüren, daß wir gut im Rennen liegen, die Stimmung ist, trotz dauernder Pützerei, gut. Ach ja, die Pützerei! Fast hätte ich den Kampf mit dem Wasser im Boot vergessen! Wir kannten unseren Dreißiger als dichtes Boot, ein Lenzen während der Fahrt gab es sonst nie. Jetzt glaubten wir, ein Leck zu haben. Bei dem ständigen Gebolze gegen die grobe, hohe See, die Leeseite ständig unter Wasser, nimmt das Boot soviel Wasser, daß ständig gepützt werden muß. Die Lenzpumpe, wie sollte es anders sein, ist durch in der Bilge umherschwimmende Gegenstände verstopft. Zwei Beispiele für den Zustand im Boot seien an dieser Stelle zur Veranschaulichung genannt: Der Plastikbehälter mit der Butter wurde in der Bilge zerschlagen, und die Butter fand sich u. a. am Kragen eines Jacketts, das im verschlossenen Kleiderspind hing, wieder. Oder – im Glaszylinder der Ankerlaterne, die im anderen Spind hing, fanden sich Weintrauben an. Der Zustand der Besatzung ist den Umständen entsprechend gut. Sie besteht aus 2 ‚Alten‘ von 28 Jahren und drei Jungen von 19 bis 20 Jahren. Doch weiter zur Fahrt! Der ‚Heimatkurs‘ kann länger gehalten werden, der Wind dreht zurück und weht bei Wachübergabe um 03.00 Uhr wieder aus NW. Die Unterlassungssünde zu dieser Zeit bringt uns etwa 3 bis 4 Stunden Zeiteinbuße, eine bittere Lehre. Dem ablösenden Wachführer wurde nur gesagt: ‚In der und der Gegend befinden wir uns, fahr‘ nur zu, wir werden Darßer Ort an BB liegenlassen.‘ Denkste! Der Wind dreht noch einmal westlicher, und wir bekommen statt dessen Zingst voraus. Die Kursänderung kommt zu spät, wir benötigen 3 Kreuzschläge und sind erst um 10.00 Uhr vom Darßer Ort mit seiner starken Strömung frei. Es weht recht hart, und in einer Bö (8 BF) zerreißt die Genua, nachdem das Schotthorn ausriß. Wir setzen wieder die Kunststoff-Genua, die bei diesem Wind zwar viel zu sehr ausbaucht, jedoch wenigstens hält, d. h. bis auf die Stagrelter, die bis Warnemünde einer nach dem anderen ausreißen. Vor uns laufen in etwa 2 sm Abstand zwei Boote, von denen wir das eine als das ‚Wappen von Wismar‘ ausmachen und auch bald einholen. Der Abstand zum anderen Boot verringert sich langsam, und in Höhe von Graal-Müritz können wir es in Lee überlaufen. Groß ist die Freude, als wir In diesem Boot die ‚Adhara‘ erkennen. Es wird noch einmal spannend! Das ‚Wappen‘ ist weit abgefallen und kommt weit unter Land in gleicher Linie wie die ‚Adhara‘ und wir auf Warnemünde zu. Wir bemühen uns, den kleinen olympischen Kurs zu umlaufen, das ‚Wappen‘ läuft hindurch und ist um eine Nasenlänge vor uns im Ziel, die ‚Adhara‘ knapp hinter uns. Großer Jubel dann am Steg, wir sind die ersten deutschen Boote, erst drei Stunden später kommt der ‚Kranich‘. Der ‚Buk‘ wird mit Großbaumbruch eingeschleppt, die ‚Stoltera‘ kommt wegen Segelschadens erst am nächsten Tag. Die anderen Jachten gaben wegen Konditionsschwäche oder Materialschäden auf. Bei allem Jubel, das Ergebnis dieser Wettfahrt muß etwas nachdenklich stimmen. Gibt es nur vier Boote in unserer Republik, die in der Lage sind, einen etwa 300 sm langen Törn durchzustehen?

17 Stimmen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.