Mit dem Dickschiff auf der Müritz

Größe ist etwas Relatives. Erfahrene Seesegler werden sich weder vom größten deutschen Binnensee noch von einer 30-Fuß-Bavaria sonderlich beeindruckt zeigen. Hat man sich aber wie ich vom Kajak über die Segeljolle bis zur Yacht mühsam hochgearbeitet, erscheint respektvolle Annäherung an Gewässer und Schiff nach wie vor angebracht. Entsprechend gespannt erreiche ich an Christi Himmelfahrt 2018 nach mehrstündiger Anreise die Marina Müritz bei Rechlin. Die letzten zwei, drei Kilometer geht es aufgrund des schönen Wetters zu Fuß weiter, vorbei am Luftfahrttechnischen Museum (unbedingt einen Besuch wert!) und dem zugehörigen Hafenbistro ‚Tante Ju‘, entlang des Claassees bis zum ‚Captains Inn‘ am Eingang der Steganlage. Insgesamt ein hübscher kleiner Hafen.

Yacht Bavaria 30 im Hafen RechlinDa die restliche Crew noch im befürchteten Feiertagsstau steckt, übernehme ich alleine vom Vercharterer die Bavaria 30. Eine Handvoll Segelboote hat Yachtcharter Logisch am Steg liegen, vorherrschend sind im Hafen aber eindeutig Hausboote. Die Yacht ist, wie die meisten Charterboote, nicht mehr ganz neu, macht aber einen gepflegten und sauberen Eindruck. Über eine beim Hafenmeister gegen Pfand zu erwerbende Chipkarte erhält man Zugang zu Landstrom und Warmwasser in den Sanitärräumen am ‚Capains Inn‘. Fußläufig erreichbar ist im nebenan gelegenen Feriendorf ein Mini-Markt, hier gibt es morgens Brötchen und ein recht übersichtliches Lebensmittelangebot. Für umfangreichere Einkäufe steht in Rechlin ein Supermarkt zur Verfügung.

Am nächsten Morgen ist die Crew endlich vollzählig und der Wind pendelt um 3 bis 4. Durch den ausreichend dimensionierten Hafenkanal geht es raus auf die Müritz. Nachdem Vor- und Großsegel über die Rollanlage bequem ausgefahren worden sind, segelt die Yacht raumschots Richtung Nordost. Wir sind keine Regattacrew und die Segel sind auch nicht vom vergangenen Jahr, trotzdem knacken wir nach etwas Eingewöhnung die 4 Knoten-Marke, so macht Segeln Spaß. In der Mitte des Sees stoßen wir auf gelb-schwarze Gefahrenzeichen, wie sie auch im Törnatlas verzeichnet sind. Hier lässt sich prima Steuern üben, danach geht es weiter Richtung Klink. Auf dem Weg dorthin schläft der Wind zusehends ein, gleichzeitig ziehen von Westen dicke Wolken auf. Die App Windfinder hat zwar hinsichtlich der für den Nachmittag zunächst angekündigten Schlechtwetterfront einen Rückzieher gemacht, trotzdem beschließen wir umzukehren.

Kaum sind wir auf dem Rückweg, meldet einer der Mitsegler, dass am Elektronik-Panel ein rotes Lämpchen blinkt. Die Ursache ist offenbar ein zu niedriger Spannungswert, dabei ist außer der Geräteversorgung für den Steuerstand kein Abnehmer eingeschaltet. Also den Volvo einmal starten und die Batterie laden, was er angenehmerweise bei niedriger Geräuschkulisse erledigt. Das blinkende Lämpchen begleitet uns auch in den folgenden Tagen, trotz nächtlichen Anschlusses an den Landstrom. Immer mal wieder muss der Penta aushelfen. Ob das immer nötig ist, bleibt unklar, aber ich möchte bei der Hafeneinfahrt nicht ohne Motor dastehen.

Sonne über der Müritz
Geheimnisvolle Müritz

Der Wind geht in den nächsten Tagen auf 2 bis 3 Windstärken zurück, trotzdem macht die Segelei weiterhin Spaß. Ursprünglich hatte ich nach einem Schiff mit legbarem Mast gefragt um die Müritz in Richtung Fleesensee verlassen zu können. Mit dem Alustengel der Bavaria lässt sich so etwas nicht anstellen, doch erweist sich das Revier als derart groß, dass wir gar nicht auf die Idee kommen die Müritz zu verlassen. Anders als die zahlreichen Hausboote, die sich zumeist am Ufer entlang bewegen. Nur selten begibt sich eins von ihnen auf den See heraus. Dieses Areal bleibt der überschaubaren Zahl an Segelbooten vorbehalten. Wer einmal an Pfingsten in den Niederlanden auf den friesischen Seen unterwegs war, weiß das zu schätzen. So kommt die fußballaffine Crew am Samstag nachmittag sogar in den Genuss, den letzten Bundesliga-Spieltag entspannt bei Kaffee und Kuchen fernab der Küste zu hören. Als wir kurz vor dem Hafen die Segel einholen ist der HSV endgültig abgestiegen.

Fotos: 1 & 3 Michael C. Möller, www.mcml.de; 2 R. Bartusel

8 Stimmen

2 Gedanken zu „Mit dem Dickschiff auf der Müritz“

  1. Danke für den schönen Bericht. Ich mache gerade meinen Binnenschein und möchte nächstes Jahr auch eine Tour unternehmen. Weiß aber noch nicht ob auf der Müritz oder in Holland. Da ich bislang nur Jolle gesegelt bin frage ich mich, ob man direkt mit einer Yacht klar kommt?
    Grüße, Krischan

    1. Hallo Krischan,
      ob Holland oder Müritz? Vielleicht beides nacheinander? 😉 In Holland (z.B. Friesische Meere) scheint mir insgesamt mehr auf dem Wasser los zu sein, dass kann um die Feiertage herum etwas stressig werden.
      Was ist bei der Yacht anders? Zunächst einmal größer und schwerer. Auf dem Wasser wirkt sich das positiv aus, alles viel entspannter, bei Böen kommt man nicht mehr so leicht in die Bredouille. Aber Ab- und vor allem Anlegen(!), da sollte man sich vorher Gedanken drüber machen. Selbst eine kleine Yacht stoppt man nicht mehr mit den für Jollen geeigneten Mitteln ab. Der Motor ist dabei ein wichtiges Hilfsmittel.
      Das Segeln ist im Prinzip identisch wie auf der Jolle, nur nicht so unmittelbar. Für mich neu waren die Winschen, so etwas gibt es auf Jollen nicht. Nach kurzer Einweisung hat man aber alles wesentliche erfahren. Ebenfalls positiv: halbwegs neue Yachten sind in der Regel mit Rollreffanlagen für Vor- und Großsegel ausgestattet, dass funktioniert alles aus dem Cockpit heraus. Wenn es windig wird, muss man nicht mehr auf dem Vorschiff rumtanzen.
      Mein Tipp: Vorher bei irgend jemandem mal auf einer Yacht mitsegeln, damit man ein grundsätzliches Gefühl für das Volumen und Gewicht bekommt.
      Viele Grüße,
      Rolf

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.