Abendlicher Ankerplatz vor Naxos

Im Ionischen Meer

Der Anker fällt ins Wasser und ihm folgen lautstark gut dreißig Meter Kette. Langsam zieht der Diesel unser Boot zurück, Zug kommt auf die Metallglieder. Das zuvor senkrecht nach unten entschwindende Eisen ragt in einem zunehmend flacheren Winkel in die Tiefe, dann stoppt es das Boot. Für einen Moment die Hand auf die Kette gelegt, kein verdächtiges Ruckeln, der Anker sitzt. Maschine aus. So habe ich es inzwischen häufiger erlebt, doch etwas ist neu: Wir wollen in der Bucht übernachten.

Auf mehrtägigen Törns habe ich meine Nächte bislang im Hafen oder zumindest an einer fest mit dem Grund verbundenen Boje liegend verbracht. Manchmal sogar an Land. Typisches Sicherheitsdenken eines küstenfern sozialisierten Westfalen. Erfahrenere Segler mögen hierüber den Kopf schütteln, doch die erste Nacht unter Anker lässt mich nicht kalt. Sind wir nicht viel zu nahe an Land? Auch der aktuell an Steuerbord dümpelnde Brite könnte meinetwegen weiter entfernt liegen, aber er war schon vor uns hier. Es dauert etwas, bis mich der Zauber unser Ankerbucht eingeholt hat.

Albanische Berge

Am 8. September morgens hatten wir die Marina Gouvia auf Korfu verlassen um zunächst in Richtung Albanien zu segeln. Nach der ersten Wende geht es dann mit sanften drei bis vier Knoten in Richtung Südost weiter, das Ionische Meer begrüßt uns drei Segler auf sehr entspannte Art. Mit der 11-Meter-Jeanneau kommt die Crew schnell zurecht, vor zwei Jahren waren wir auf einem ähnlichen Modell unterwegs. An Backbord liegt ein dünner Streifen Griechenland und dahinter folgen die albanischen Berge. Und darauf offenbar leistungsstarke albanische Funkmasten, wie wir am Abend erschreckt feststellen: Freundlich teilt uns die albanische Telekom mit, dass für den bisherigen – recht spärlichen – Datenverkehr mehr als vierzig Euro berechnet werden. Bei jedem von uns. Darum: Augen auf beim Datenroaming an der EU-Außengrenze!

Unsere Nacht in der Valtou-Bucht verläuft sehr ruhig, obwohl ich aus bereits erwähnten Gründen regelmäßig nach dem Rechten schaue. Der hell leuchtende Mond erweist sich dabei als sehr hilfreich. Am Folgetag machen wir einen Zwischenhalt in Plataria und vervollständigen im empfehlenswerten „Proton Super Market“ unsere Lebensmittel. Im Supermarkt der Heimatmarina hatten wir nur spärlich eingekauft, da dort offenbar eine ähnliche Preispolitik wie bei der albanischen Telekom verfolgt wird. Im Hafen von Plataria lerne ich endlich auch das berühmte „italienische“ Festmachen mit Anker kennen: deutlich angenehmer als mit versifften Mooringleinen, vorausgesetzt im Hafen ist genügend Platz.

Schlafzimmerfenster

Spät nachmittags erreichen wir die Sivota-Inseln. Sehr schön, aber auch sehr belegt von Charteryachten. Das war so nicht geplant… Erst ein Stück weiter findet sich eine für unser Vorhaben geeignete Bucht, die bei den zu erwartenden leichten Winden ideale Voraussetzungen für die Nacht bietet. Während vor dem Bug die enge Bucht auf einen Strand hin zuläuft, schwojt das Heck in Richtung offenes Meer. Ein perfektes Panorama für den Sundowner!

Am folgenden Tag verlassen wir die schützende Abdeckung von Korfu und segeln in Richtung Paxos. Eigentlich sollte uns nun etwas mehr Wind und Welle erwarten, doch das Gegenteil ist der Fall. Das Ionische Meer wird seinem Ruf als Altherren-Revier gerecht. Um rechtzeitig anzukommen, muss zwischenzeitlich sogar die Maschine gestartet werden. Die Jeanneau steuert auf die Bucht von Lakka zu, Masten über Masten ragen in den Himmel. Die beiden einsamen Nächte zuvor haben so gut gefallen, dass wir beschließen, Lakkas an Steuerbord liegen zu lassen und erneut nach einem ruhigen Ankergrund Ausschau zu halten. Dies gelingt noch ein ganzes Stück vor Gaios. Außer uns haben eine weitere Yacht, eine Handvoll kleinerer Motorboote und etwas weiter draußen ein hölzerner britischer Luxussegler in der nach Osten offenen Bucht festgemacht.

Luxusurlaub

Nachdem die Motorboote, welche die Bucht ohnehin nur zum Baden angesteuert haben, wieder verschwunden sind, entfernt sich bald auch die andere Yacht. Kurz nach sechs holt der britische Zweimaster seinen Anker ein und wir liegen schließlich alleine vor Ort. Eine schöne Bucht, aber ist unser Plan eine gute Idee? Der Wind ist schwach und soll laut der App Windfinder bis zum nächsten Tag nur wenig auffrischen. Aber das Programm sagt auch, dass die Windrichtung im gleichen Zeitraum um 180 Grad dreht, morgens sei mit östlichem Wind zu rechnen. Wir bleiben, da als sichere Alternativen nur die vollen Häfen von Lakkas und Gaios zur Auswahl stehen. Ob wir es schaffen, eine regelmäßige Ankerwache durchzuhalten?

Die See nimmt uns diese Entscheidung ab, mit drehendem Wind baut sich Welle auf. Je später die Nacht, desto unruhiger wird es in der Koje. Unsere zwischenzeitlichen Checks ergeben zwar, dass der Anker sicher hält, aber die Schaukelei nervt mit jeder Stunde mehr. Als es hell genug ist, holen wir den Anker ein und laufen unter Maschine aus der Bucht. Am bequemsten wäre es, vor dem Wind Richtung Norden zu entschwinden. Aber die Reiseroute sieht vor, Paxos zu umrunden, darum geht es in die andere Richtung. Der Wind bläst frisch, aber noch im grünen Bereich, Erlebnis bringen dagegen die kurzen Wellen, der Bug steigt und fällt wie ein Kirmeskarussell. Wir machen einen Umweg durch den ruhigen Kanal von Gaios, hier liegen die Schiffe dicht an dicht. Vor der südlichen Einfahrt ankern einige Yachten, die es nicht mehr in den Hafen geschafft haben, darunter auch der britische Holzsegler von gestern. Die Nacht scheint dort an Bord ebenso unruhig wie bei uns gewesen zu sein.

Bald können wir in die Meerenge zwischen Paxos und Antipaxos einbiegen, mit Vorsegel und seitlichem Wind fährt es sich sofort ruhiger: Frühstück! Auf der Seeseite von Paxos herrscht ideales Segelwetter und wir machen ordentlich Fahrt. Hier gilt es nun eine Entscheidung zu treffen: Wegen des schwachen Winds an den Tagen zuvor liegen wir deutlich hinter unserem Zeitplan zurück, der die komplette Umrundung Korfus vorsieht. Zudem fällt die Wettervorhersage für die nächsten 24 Stunden unerfreulich aus, vom Festland kommend wird ein Gewitter angekündigt. Da die Seekarte an Korfus Westküste kaum geschützte Ankerplätze ausweist, beschließen wir die Rückkehr in die besser ausgestatteten Gewässer zwischen Festland und Insel. Eine gute Entscheidung, wie sich noch zeigen wird.

Hafen Petritis

In der See zwischen Paxos und Korfu geraten wir erneut in das Wetter vom frühen Morgen, doch diesmal mit achterlichem Wind. Zeitweise zeigt der Geschwindigkeitsmesser mehr als sieben Knoten Fahrt an, so sportlich haben wir das Ionische Meer bislang nicht erlebt. Mit fortschreitender Dauer des Tages flaut der Wind aber wieder ab und das Kap Lefkimmi müssen wir bereits unter Maschine runden. Als über dem Festland nachmittags Blitze zu sehen sind, frischt der Wind ein klein wenig auf, so dass wir zumindest unter Segeln unseren Hafen für die Nacht ansteuern können – Petritis. Ein Fischerhafen mit winzigem Kai für gut 10 Yachten. Doch nicht nur deshalb liegen viele Boote draußen vor Anker. Das Hafenbecken ist eng und wird schnell sehr flach. Hier stellt Mitsegler Lutz seine Qualitäten unter Beweis, ich selber wäre wohl bei den anderen draußen geblieben.

Verona in Petritis

Wenn der wahrscheinlich nur in Teilzeit beschäftigte Hafenmeister nicht vor Ort ist, beanspruchen ältere Herren griechischer oder britischer Herkunft die Verantwortung für sich. Nach der Ansage „I am responsible here“ fordern sie die Achterleinen und helfen tatkräftig beim Festmachen mit. Das klappt in unserem Fall im ersten Anlauf recht gut. Dem Hafenmeister bleibt die Abrechnung des günstigen Liegeplatzes und eine Empfehlung für das Restaurant seines Schwagers. Zum ersten Mal seit vier Tagen gehen wir für längere Zeit an Land und besichtigen den kleinen Hafenort. Es ist nicht zu übersehen, dass die Griechen eine wirtschaftlich schwierige Zeit hinter sich haben, aber es wird auch wieder gebaut. Der Tourismus ist ein wichtiger nationaler Wirtschaftsfaktor, das fällt besonders in solch kleinen Orten auf. Am Abend steuern wir in der Taverna Limnopoula unseren Teil dazu bei, die lokalen Kassen zu füllen.

Die App Windfinder hat es bereits in der Taverna angekündigt, am Folgetag dann die Gewissheit: Nach einem teilweise sportlichen Tag hat sich das Ionische Meer wieder zur Ruhe begeben. Gut das wir jetzt nicht auf der anderen Inselseite dümpeln, dass hätte unweigerlich einen kompletten Motortag bedeutet. Mit ein bis zwei Knoten schleichen wir in Richtung Festland. Am frühen Nachmittag dann komplette Flaute, 2/3 der Crew springen bei etwa 80 Meter Tiefe ins glasklare Meer. Ich nicht, ich passe aufs Boot auf. Und habe wohl zu früh in meiner Jugend den weißen Hai gesehen…

Kaum Wellen, aber ordentlich Wind

Es wird mit dem Wind nicht besser, also Motor an und rüber zum Festland. Zu einem erneuten Besuch in der Valtou-Bucht, diesmal im hintersten Abschnitt. Es liegen hier bereits drei Boote, darunter ein Kat mit Landleine, genügend Platz für uns. Nach uns folgen weitere Boote, die näher am Kanal den Anker werfen. Der Wind scheint uns ärgern zu wollen, fehlte er auf dem Wasser, verstärkt er sich zum Abend hin. Fallwinde aus den nahelegenen albanischen Bergen? Der Kat-Skipper steht schon früh am Bug und studiert das Wetter, sein Boot kann schließlich nicht schwojen. Doch auch auf den anderen Yachten wird man munter. Der weißhaarige Käpt’n neben uns scheint alles richtig gemacht zu haben, eine kurze Kontrolle, dann verschwindet er wieder unter Deck. Doch unser Boot wandert immer weiter Richtung Land, das kann nicht nur die Streckung der Kette sein. Dann zwei, drei kleinere Rucks, okay, der Anker scheint sich zu bewegen. Kette hoch, eine neue Position deutlich weiter vom Nachbarn entfernt und noch einmal 10 Meter extra geben. Die Kette spannt sich im Wind, doch der Anker hält nun. Eine weitere Yacht entfaltet ähnliche Aktivitäten, nur die Kat-Besatzung wirkt weiter unentschlossen. Es beginnt schon zu dunkeln, als der Kat endlich eine neue Position, diesmal ohne Landverbindung, beziehen will. Für Stress scheint gesorgt, der Skipper braucht mehrere Anläufe bis das riesige Boote seine endgültige Position gefunden hat. Es bleibt abschließend festzustellen, dass etwa 30 Minuten, nachdem sich alle auf eine unruhige Nacht eingestellt haben, der Wind vollkommen einschläft.

Am nächsten Tag das übliche Prozedere – schwimmen, frühstücken, lossegeln. Der Wind frischt noch einmal auf, so dass wir einen ordentlichen Törn entlang der albanischen Küste hinlegen. Aber wir müssen rüber nach Gouvia, zwischen vier und fünf ist in der Marina die Abnahme unserer Yacht angesagt, leider kommt genau von dort der Wind. Kreuzend geht es mit etwa vier Knoten in die richtige Richtung, aber um halb drei ist abzusehen, dass wir es so nicht schaffen werden. Also Segel runter, Maschine an und ab nach Hause. Das Altherren-Revier bestätigt noch einmal seine Grundstimmung. Trotzdem: Efcharisto und auf Wiedersehen, es war eine tolle Woche!

Abschließend ein Wort zum Thema Versicherungen: Dieses Jahr ist mir nachdrücklich das Thema Kautionsversicherung ans Herz gelegt worden. Ich musste meine beiden Mitsegler erst noch überzeugen, doch dann haben wir für eine Kautionssumme von 2.000 Euro bei Schomaker 150 Euro bezahlt. Als wir im Hafen von Gouvia auf das Einchecken warteten, konnten wir bei einer anderen Crew miterleben, wie die gleiche Kautionssumme vor Ort für 500 Euro angeboten (und abgeschlossen) wurde. Wir haben unsere Yacht ohne Schaden wieder abgegeben, trotzdem war es unterwegs ein beruhigendes Gefühl zu wissen, im Schadensfall anteilig nicht mit über 650, sondern mit nur 50 Euro zur Kasse gebeten werden zu können. Das werde ich beim nächsten Mal wieder so handhaben.

Für die Tourvorbereitung und unterwegs unbedingt zu empfehlen:

  • Hafenguide Griechenland 1: Ionisches Meer – Peloponnes – Golf von Korinth – Athen – Saronischer Golf – Albanien, von Per Hotvedt. Edition Maritim, 2015. Die Kombination aus Foto, Karte und Text hat sich als sehr hilfreich erwiesen.
  • Windfinder Pro (Andoid/iOS App): Die Windvorhersage hat zwischen den Inseln gut geklappt, wenn auch mehr hinsichtlich der Richtung als der Stärke. Bei der Auswahl des Ankerplatzes für die Nacht ein nützliches Instrument.
  • Seekarte: An Bord fand sich die britische Karte „G11 North Ionian Islands“ von Imray Charts. Grundsätzlich eine gut gemachte Karte, doch im Maßstab 1:185.000 manchmal etwas zu gering auflösend. Hilfreich war hier die „nv charts“ App mit dem Online-Zugriff auf Karten.
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