Mit ganz kurzem Mast

Hausboote habe ich in den vergangenen Jahren in allen möglichen Größen und Formen gesehen. Macht so etwas wirklich Spaß? Sowohl als Paddler wie auch als Segler hatte ich da bislang meine Zweifel – an Bord scheint es unterwegs doch eher sehr gemächlich zuzugehen. Trotzdem haben wir 2019 für den Sommerurlaub ein solches Hausboot gemietet, für alle Beteiligten (2 Erwachsene & 2 Kinder) eine neuartige Erfahrung.

Die Havel soll es werden und als Charterort bietet sich relativ schnell Werder an. Für Münsteraner liegt das niederländische Friesland mit seinen Seen und Kanälen zwar näher, aber für unsere erste Motoryacht-Tour wollte ich mich nicht unbedingt dem dortigen Küstenwind aussetzen, die diesjährigen Pfingsttörns auf dem Sneekermeer wirken noch nach. Und ja, es muss ein „echtes“ Schiff mit „richtigem“ Rumpf sein, nicht einer dieser viereckigen Kästen, die man immer häufiger sieht. Ein bisschen Snobismus wird doch wohl erlaubt sein…

Frisch an Bord

Bei Yachtcharter Unruh buchen wir eines der kleineren Schiffe, eine neun Meter messende Concordia 92 AC vom niederländischen Hersteller Visscher Yachting. An Bord stellt sich bald heraus, dass diese Größe zu unserer Konstellation genau passt. Bei vier Erwachsenen sollten zwei deutlich unter der 1,80-Marke bleiben, sonst wird es in der Bugkoje eng. Auch wenn Kajüte und Cockpit ausreichend dimensioniert sind, scheint sich der alte Grundsatz zu bestätigen, dass „ausgewachsene“ Yachten bei zehn Meter beginnen.

Am Morgen nach dem Übernahme muss ich das mit sieben Tonnen eingetragene Schiff samt seiner üppigen Aufbauten aus der räumlich gut genutzten Marina steuern. Das ist schon etwas anderes, als eine schlanke Segelyacht zu manövrieren, der Skipper verliebt sich direkt in Bug- und Heckstrahlruder. Derartigen Luxus bieten Segelschiffe eher selten. Danach geht es die Havel flussabwärts, Tagesziel ist das 40 Flusskilometer entfernte Kirchmöser im Plauer See. Zwischendurch müssen wir die große Schleuse in Brandenburg passieren, mit einer Segelyacht habe ich das noch nie gemacht. Doch die Schleuse ist per Handy gut erreichbar und die Schleusenmitarbeiter antworten geduldig auf unsere Fragen.

Es wird Nacht auf dem Plauer See

Auf der Havel herrscht durchaus Verkehr, mit unseren knapp 10 km/h bei spritsparenden 2.000 Touren schwimmen wir gut mit. Alle Brücken sind auf der Strecke hoch genug, das will bei der Tourplanung unbedingt beachtet werden. Nach der Durchfahrt durch Brandenburg kommen wir gegen 16:30 Uhr in Kirchmöser an, der dortige Eisenbahner Segelverein nimmt uns in Person seines Hafenmeisters ebenso freundlich wie engagiert in Empfang. Großes Lob! Leider hat das nebenan gelegene Fischrestaurant mit Seeterrasse am Abend außerplanmäßig geschlossen, akzeptabler Ersatz liegt ohne Seeterrasse fußläufig 15 Minuten entfernt.

Für den nächsten Tag beschließen wir weniger zu fahren, dafür mehr zu baden. Das klappt dank einfach zu bedienendem Anker sehr gut. Da der Stadthafen voll ist, machen wir am späten Nachmittag in Ketzin unmittelbar neben der Fähre fest, der Steg gehört zum gleichnamigen Restaurant. Für den Anleger werden keine Reservierungen angenommen, wohl aber für das Restaurant, was in der Saison auch zu empfehlen ist. Und man sollte unbedingt rechtzeitig anlegen, der Steg füllt sich zum Abend hin schnell mit Gästen und Nachtliegern! Nach einem leckeren Essen lassen wir an Bord die Sonne über der Havel untergehen, traumhaft.

Zeit für den Sundowner…

Der Folgetag bringt uns über die nördliche Route nach Potsdam, spätestens nach Unterquerung der berühmten Glienicker Brücke heißt es Augen aufhalten, insbesondere wenn Ausflugsschiffe in der Nähe sind. Obwohl ich den SBF Binnen vor Jahren gemacht habe und aus Friesland einiges an Bootsverkehr gewöhnt bin – das Durcheinander auf der mal breiteren, mal engeren Havel verlangt volle Konzentration. Wie sich Charterschein-Kapitäne nach dreistündiger Einweisung unter derartigen Bedingungen wohl fühlen?

Als wir am Abend vor der Rückgabe wieder in den Cityhafen Werder einlaufen, ist die Crew einigermaßen k.o. Wir wollten eigentlich häufiger anlegen um uns vor allem in Potsdam Sehenswürdigkeiten anzusehen. Doch mit einem solchen Trumm von Schiff und einer wenig erfahrenen Besatzung erscheint das Anlegen im städtischen Gewusel wenig sympathisch. So haben wir uns tagsüber länger auf dem Schiff aufgehalten als ursprünglich geplant, darüber können auch die regelmäßigen Badepausen nicht hinwegtäuschen. Zum Ende hin wurde es deshalb mitunter etwas langweilig an Bord, hier wäre eine andere Streckenplanung wohl von Vorteil gewesen. Insbesondere mit Kindern gilt es unterwegs ein passendes Ergänzungsprogramm einzuplanen.

Schäden? Ja, wir haben einen kleinen verursacht: Beim Festmachen am Wartepunkt vor der Schleuse Brandenburg rutschte der mittlere Fender nach oben, die Kaikante liegt hier sehr tief. Da sich während des Anlegens auf einmal ein Sturzregen (der einzige während der Tour…) über uns entlud, bemerkten wir dies leider etwas zu spät, die Folge war ein oberflächlicher Kratzer am Rumpf. Dummerweise haben wir nicht – wie zuvor vom Vercharterer empfohlen – eine Kautionsversicherung abgeschlossen, so dass bei der Übergabe eine nicht ganz kleine Nachzahlung fällig wurde. Das passiert uns nicht noch einmal, zumal wir erfahren haben, dass üblicherweise auch von Fremden verursachte Schäden (so man ihrer nicht habhaft wird) zu Lasten der eigenen Kaution gehen!

Mit knapp 10 km/h über die Havel zu schippern ist zweifellos eine entspannende Angelegenheit. Doch letztlich ist es ein bisschen wie Autofahren, auf Strecke bleibt außer Steuern nicht viel zu tun und das sorgt für eine gewisse Monotonie. Darum erscheint es mir sinnvoll, nicht zu große Tagesetappen zu planen und für Landgänge zu sorgen. Da die Havel im Sommer gut frequentiert ist, sind entsprechende Anlandeplätze ebenso wie das Nachtlager rechtzeitig zu bestimmen. Ein Beiboot wie auf einer Segelyacht wäre keine schlechte Idee, doch dafür sind die meisten Hausboote wohl zu klein.

Für die Tourvorbereitung und unterwegs unbedingt zu empfehlen:

4 Stimmen

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