Der freundliche Herr Höppner aus Stralsund

Mit Geld allein kam man meistens nicht wirklich weiter. Sicherlich wurde davon wie heutzutage eine außergewöhnlich große Menge benötigt. Doch die meisten angehenden Skipper mussten mit „anpacken“, wenn sie zu einem Segelboot kommen wollten. Ob in Holz, Stahl oder Plaste gebaut, es bedurfte zusätzlich auch handwerklichen Geschicks sowie der richtigen Kontakte, um in der DDR den Traum von der eigenen Yacht zu verwirklichen. Mangelte es am Einen, sollte das Andere umso stärker ausgeprägt sein. Doch um überhaupt beginnen zu können, galt es zunächst den richtigen Plan zu finden. Und das war oft gar nicht so einfach.

Zwar existierte seit den frühen 1970er Jahren der Typ Hiddensee, den Segler zwischen Ostsee und Erzgebirge bis 1990 mehrere hundert mal abformten und damit der Sorge um den geeigneten Riss ledig waren. Doch wer so eine Hiddensee bauen wollte, musste auf Draht sein, um zunächst den Plasterumpf im Eilverfahren von der begehrten Urform abnehmen zu können. Das behagte nicht allen Seglern, ebenso wenig wie der verwendete Baustoff und die geringe Länge des für den Regattaeinsatz konzipierten Boots. Interessenten, die etwas anderes suchten, mussten in den Sportboothäfen der Republik die Augen offen halten. Gefiel ihnen dort eine Yacht, galt es hartnäckig nachzufragen, um die Kontaktdaten des Konstrukteurs zu erfahren. Bei den Unterhaltungen fiel dann so mancher Name, doch einer wurde relativ häufig genannt: Erwin Höppner aus Stralsund.

Im überschaubaren Olymp der bekannten Yachtkonstrukteure finden sich sehr unterschiedliche Charaktere, nicht alle gelten als einfache Zeitgenossen. Der gemeine Fahrten- oder Regattasegler tut häufig gut daran, wenn er dem Schöpfer seines nächsten Boots mit einer gewissen Portion Demut begegnet. Erwin Höppner scheint in dieser Hinsicht anders zu ticken, mehrfach verwenden ehemalige Kunden das Adjektiv „freundlich“, wenn Sie den Herrn aus Stralsund beschreiben. Was vielleicht auch an seinem vorangeschrittenen Alter und der damit verbundenen Lebenserfahrung liegt. Bereits in den 1930er Jahren macht der noch junge Höppner im Stettiner Haff mit dem von ihm entworfenen 20-qm-Jollenkreuzer Purzel auf sich aufmerksam. Es folgt der Zweite Weltkrieg, erst in den 1950er Jahren kann der Segler und Konstrukteur seinen Neigungen in Stralsund wieder nachgehen. Die von ihm gezeichneten Schwertboote schlagen sich erfolgreich auf den Regatten dieser Jahre.

Jollenkreuzer-Entwurf von 1955

Bald scheint Höppner sich auch für größere Boote zu interessieren. 1964 meldet er die 5,5-KR-Yacht Kismet an, die später RORC-vermessen unter der Segelnummer GO 78 geführt wird. Es folgen für Kunden im näheren Umfeld weitere Yachten, z.B. die Vagant XII (GO 294). Eine ähnlicher Typ ist die Wappen von Wolgast (GO 140), welche 1968 die BSG Motor Wolgast erhält. Mit diesem Schiff können die Betriebssportler endlich erfolgreich an den alljährlichen Seewettfahrten teilnehmen. Nach vielen eher individuellen Entwürfen ergänzt Erwin Höppner sein Portfolio in den 1970er Jahren um den Typ Stress, eine 8-m-Yacht mit Kunststoffrumpf. Ursprünglich sollen nur zwei Bauten geplant gewesen sein, es werden in der Folge einige mehr, darunter auch als Kielschwerter. Doch bleibt der Stralsunder auch weiterhin dem Entwurf von Solitären treu, heute neudeutsch als one-off bezeichnet.

Wie viele Yachten nach Höppner-Rissen über die Jahre gebaut werden, ist kaum noch festzustellen, zu unterschiedlich fallen diese im Erscheinungsbild aus. Zeitgenossen vom Fach schätzen das Gesamtvolumen auf etwa einhundert Boote, achtzehn davon habe ich bislang identifizieren können. Immer mal wieder erscheint eine vom Stralsunder Konstrukteur entworfene Yacht in den gängigen Bootsbörsen, auf diese Weise gelingt es, das eine oder andere Kielboot zu aufzuspüren.

Vor wenigen Tagen bin ich so bei Ebay-Kleinanzeigen auf eine Höppner-Yacht gestoßen, die diesem Artikel als Beitragsbild dient. Heute heißt sie Dolce Vita, doch wenn die mir vorliegenden Informationen stimmen, handelt es sich um den Kielschwerter Törn (DDR 997), 1986 von einem Mitglied der SG Mönkebude beim BDS angemeldet. Kann das stimmen? Wie dem auch sei, die Yacht steht zum Verkauf!

Zahlreiche Informationen fehlen mir zu den Höppner-Yachten und zu ihrem Konstrukteur, über den bis heute nur wenig bekannt ist. Falls der eine oder andere Leser meinen Horizont erweitern kann, würde mich das sehr freuen!


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7 Stimmen

5 Gedanken zu „Der freundliche Herr Höppner aus Stralsund“

  1. Hallo, ich glaube ich besitze seit Ende letzten Jahres ein Boot, welches von Erwin Höppner konstruiert wurde. Ich bin mir aber nicht ganz sicher. Im KR-Meßbrief steht E. Höpnner, Baujahr 1972, Stralsund. Der Name war „Arlind 2“. Es ist eine Kielyacht aus Stahl. Zur Zeit bin ich dabei das Boot zu restaurieren.
    Vielleicht haben Sie ja noch die ein oder andere Information, die für mich interessant sein könnte.
    Viele Grüße
    Marcus Welzer

    1. Hallo Herr Welzer, vielen Dank für Ihre Meldung. Es hat mit meiner Antwort etwas gedauert, ich bin erst gestern vom Segeltörn in Kroatien zurückgekehrt. Ja, die Yacht steht in der Liste, Ex GO/DDR 284, die lag in Stralsund. Weitere Infos sende ich per E-Mail. Liebe Grüße, Rolf Bartusel

  2. Ich bin mir nicht sicher, ob es stimmt, daß der Typ STRESS als Kielschwerter konzipiert wurde. Ich kenne das erste Schiff – die STRESS und besaß selbst das zweite Schiff, die TEAM. Auch weitere Stress, die ich kenne, waren reine Kielschiffe, die auch Regatten gesegelt sind. In Vitte gab es einen Motorsegler, der auf einem Stress Rumpf aufgebaut wurde. Möglich, daß spätere Fahrtenyachten auch als Kielschwerter gebaut wurden. Aber die STRESS sollte gegen die Hiddensee erfolgreich sein, war sie aber nicht, da im Gegensatz dazu die Stress nicht zum Gleiten zu bewegen war.

    1. Hallo Herr Heyme, vielen Dank für die Information. Ursprünglich sollten offenbar nur zwei Stress gebaut werden, darum wurde die Negativform wohl auch nicht allzu dauerhaft gebaut. Wenn die TEAM eine der beiden Yachten ist, dann war der Typ tatsächlich wohl als Festkiel angelegt. Von zwei späteren Bauten weiß ich aber, dass sie mit einem Schwenkkiel ausgestattet wurden. Ich habe die Passage im Text umformuliert. Über die Anzahl der gebauten Stress liegen wir unterschiedliche Angaben vor, vermutlich sind es aber nicht mehr als ein Dutzend Boote.
      Viele Grüße,
      Rolf Bartusel

  3. Ich habe mich an vieles erinnert von dem hier berichtet wurde und bin auf mehr gespannt!
    Mitte der 80ziger habe ich an Seeregatten der DDR teilnehmen dürfen …
    Mit freundlichem Gruß
    Ralf Arlt

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