Der Kolibri – ein Faltboot für kostenorientierte Einsteiger

Faltboote stellen eine recht exklusive Art dar, sich auf dem Wasser fortzubewegen. Selbst bei größeren Kanu-Events sucht man häufig vergebens nach Booten dieser Bauart. Gründe für die Exklusivität gibt es einige, einer davon heißt „Kosten“. Denn wer bei einem der üblicherweise in Kleinserie produzierenden Hersteller nach Neupreisen fragt, landet schnell bei Werten deutlich jenseits der 2.000 Euro-Marke. Neulinge ohne üppig gefülltes Bankkonto orientieren sich nach dieser Erfahrung gerne in den Gebrauchtsektor um.

Dort ist das Angebot reichlich und die Preisspanne erfreulich weit gefasst. Bereits ab etwa 250 Euro sind fahrtüchtige Exemplare zu haben, wobei es sich im untersten Preissegment zumeist um Kolibris aus DDR-Produktion handelt. Die von MTW bis 1990 in Wismar hergestellten Boote genießen unter Kennern nicht unbedingt den besten Ruf, was teilweise den niedrigen Preis erklärt. Doch trotzdem kann sich der Kolibri als geeignetes Anfänger-Boot erweisen, man sollte sich allerdings seiner Eigenheiten bewusst sein!

Der Kolibri fällt für einen Zweier zunächst einmal sehr kurz aus, was ihn als Wanderzweier in Frage stellt, da man nur verhältnismäßig wenig Gepäck mitnehmen kann und sich überdies recht nahe kommt. Darüber hinaus lässt sich der Kolibri nicht unbedingt schnell aufbauen, beim größeren Delphin 85 vom gleichen Hersteller klappt das deutlich zügiger. Und schließlich erweist sich der Kolibri als ein eher langsames Wanderboot, welches andere Teilnehmer häufig aufhält. All das hat nicht gerade zum guten Ruf des Modells beigetragen.

Jetzt war es natürlich seinerzeit nicht die erklärte Absicht von MTW, ein eher mittelmäßiges Boot auf den Markt zu bringen. Aber es gibt Gründe, warum der Kolibri so ist, wie er ist. Fangen wir mit der geringen Länge an: Der Kolibri wurde produziert, weil sich der Wismarer Faltbootbau mit dem Vorwurf auseinandersetzen musste, dass die bislang angebotenen Boote (Delphin 85, Delphin 110) in der Herstellung zu teuer seien. Als Resultat wurde das Angebot um ein kürzeres und damit preiswerter zu bauendes Boot erweitert. Damit passten die durchschnittlichen Produktionskosten wieder.

Werbemotiv Mutter und Kind mit Faltboot Kolibri III
MTW Kolibri 3 in DEWAG-Prospekt von 1969

Der Kolibri war in seiner ersten Version zwar kürzer als andere Zweier, aber nach wie vor ein aufwändig konstruiertes Boot, dessen Gerüst sich nicht vor den Wettbewerbern zu verstecken brauchte. Doch da der kurze Kolibri ohnehin in der Kajak-Gemeinde nicht als ernst zu nehmender Wanderzweier angesehen wurde, deutete MTW das Boot ab Version II immer mehr in Richtung eines „Badezweiers“ für das Wochenende um. In den Anzeigen wird der Kolibri spätestens seit Version III nicht mehr so sehr gemeinsam mit zünftigen Wanderfahrern abgebildet, sondern es erscheinen auch mal eine Mutter mit junger Tochter in Badekleidung.

Angesichts der zunehmenden Materialknappheit in der DDR-Wirtschaft wurde die Umdeutung des Kolibris von der Werft aufgegriffen um die Bootskonstruktion zu vereinfachen. Die zunächst aufwändigen Alu-Beschläge fielen von Version zu Version simpler aus. Für den Zusammenbau am nachteiligsten erweist sich dabei der Umstieg von Schlüsselloch-Beschlägen zu einfachen Stahlhaken. Insbesondere Kolibri IV-Besitzer wissen hiervon ein Lied zu singen: Man braucht mitunter Kraft, um die Teile beim Aufbau zu verbinden. Dafür rutschen sie im zusammengebauten Boot mangels Sicherung auch gerne wieder auseinander.

Statt Massivholz kam zunehmend (nicht unbedingt hochwertiges) Sperrholz zum Einsatz. Und schließlich graust Ästheten vor dem liegenden Süllrand, obwohl dieser in der Praxis gut funktioniert.

Unter dem Strich ergibt sich daraus der Kolibri, wie er heute noch in vielen Exemplaren jüngeren Baudatums vorhanden ist: Simpel konstruiert, aber dadurch auch einfach zu reparieren. Kraftraubend im Aufbau, dafür erweist sich das aufgebaute Gerüst als recht starr. Nicht unbedingt schnell auf der Wanderfahrt, dafür aber durch seine Form nahezu kentersicher. Und schwer ist er (27 kg), aber das gilt für jedes Faltboot mit Holzgerüst.

Ich habe mich mit meinem Kolibri IV arrangiert. Das ebenso harte wie platte Sitzbrett wird durch eine gepolsterte Auflage entschärft und gleichzeitig mit einem Gurt am Verrutschen gehindert. An vier neuralgischen Stellen werden die Verbindungshaken durch Stellringe gesichert, andere Koli-Fahrer verwenden dazu andere Techniken. Und für das Einhaken des verflixten letzten Hakens am Süllrand habe ich mir eine einfache Zwinge gebaut. Der Gummihammer wird seitdem nicht mehr benötigt…

18 Stimmen

2 Gedanken zu „Der Kolibri – ein Faltboot für kostenorientierte Einsteiger“

  1. Hallo Herr Bartusel,

    bei meinem Kolibri hat sich eine Naht am Oberdeck gelöst. Wie kann man das nähen? Mit der Maschine dürfte das nicht gehen? Und worauf soll man bei Garn und Nadel achten?

    Mit freundlichen Grüßen,
    Michael Müller

    1. Hallo Herr Müller,

      mit der Nähmaschine kommt man als Laie tatsächlich nicht weiter, das ist zumindest meine Erfahrung. Wenn es sich nur um Oberdeckstoff handelt, das PVC-Unterschiff also nicht betroffen ist, reicht eine einfache stabile Nähnadel aus. Ich verwende üblicherweise einen Faden aus 100% Polyester, den man mir im Textilgeschäft vor Ort nach Schilderung meines Vorhabens empfohlen hat. Es handelt sich um die Marke Seralon von Amann-Mettler.

      Viele Grüße,
      Rolf Bartusel

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